Leben auf einem Boot

Wenn Menschen so über das Leben auf einem Boot nachdenken, lautet ihre erste Frage meist: „Was macht man den ganzen Tag auf so einem Schiff?“
Die allermeisten stellen sich dann ein stressfreies Leben im Luxus vor, in dem die Beine häufiger auf der Reling liegen, als sie zum Laufen genutzt werden. Nichts wäre weiter entfernt von der Wahrheit.

Map of our route from Raja Ampat to Palau

Von Raja Ampat nach Palau

Persönlich, würde ich mich auf diesem Gebiet jetzt nicht gleich als erfahrenen Segler, oder Cruiser – wie sich die Langzeitsegler oft selbst nennen, betrachten, aber nach zwei Wochen und 700km über den Pazifik auf einem 44 Fuss Katamaran, glaube ich eine ungefähre Ahnung zu haben.

Unsere Route begann in Sorong in West-Papua, der südöstlichsten Provinz Indonesiens. Sorong ist die Hauptstadt und der zentrale Umschlagplatz aller benötigten Güter in einer Gegend die Tauchern auch unter dem Namen Raja Ampat bekannt ist. Das Tauchgebiet wird erst seit vergleichsweiser kurzer Zeit von Tauchern besucht, aber hat sich im Grunde sofort im Olymp der schönsten Reviere der Welt etabliert. Im Herzen des sogenannten „Korallendreiecks“, bietet es eine marine Biodiversität wie sie es auf der ganzen Welt kaum ein zweites Mal gibt. Die Schönheit der Natur und der Reichtum an Leben sind nichts weniger als atemberaubend.

Bedauerlicherweise trifft dies auf den Hafen von Sorong überhaupt nicht zu. Er ist leider ein perfektes Beispiel für menschliche Ignoranz, Meeresverschmutzung und unkontrolliertes Wachstum. Aus diesem Grund hielten wir die Zeit unserer Vorbereitungen so kurz wie nur irgend möglich. In drei Tagen hatten wir von Nudelsuppen bis Ausreiseformalitäten alles organisiert und es konnte endlich los gehen.

Yacht Wartungsarbeiten

Von Sorong ging die Route entlang der östlichen Küste Weigeos, der größten Insel des Archipels von Raja Ampat. Im papuanischen bedeutet dieser Name übrigens so viel wie „Vier Könige“ und meint damit die vier großen Inseln.
Schon während der ersten Tage stand mächtig viel Arbeit auf dem Reiseprogramm. Gegensätzlich zum allgemeinen Dafürhalten, besteht das Leben auf einem Boot nicht im Wesentlichen aus Erholung und Langeweile, sondern vor allem aus Wartungsarbeiten. Die Menge an Zeit, Arbeit und Geld die nötig ist um ein Boot im wahrsten Sinne des Wortes über Wasser zu halten, ist immens und hat mich einigermaßen überrascht.

Konsequenterweise war unsere erste Station und Aufgabe dann auch gleich die Strandung des Katamarans zu Wartungszwecken an der unteren Rümpfen und den Propellern.

Natürlich ist die kontrollierte Strandung so eines Katamarans eher außergewöhnlich. Und Dave traute sie sich auch nur zu, weil er zwei zusätzliche Crewmitglieder hatte. Der weitaus größere Teil der nötigen Wartungsarbeiten fällt auf ganz alltägliche Dinge. Vor jedem Start der Motoren werden der Ölstand, die Schläuche, Verbindungen und Keilriemen auf Lecks und Materialfehler gescheckt. Außerdem ist jedes Mannschaftsmitglied angehalten, das Boot in jedem Moment mit einem aufmerksamen Auge zu „überwachen“. Es gilt Schäden an Ausrüstung wie Seilen, Winden, Wanten, Klampen und Blöcken zu erkennen und beheben, bevor sie die Segler im Stich lassen. Zu der Ausrüstung zum Segeln, gesellt sich dann noch die technische Ausstattung des Schiffs: Toiletten, Kühlschränke, Solar- und Entsalzungsanlagen, Navigationscomputer und so weiter und so fort.

Ganz ehrlich, es nimmt kein Ende. Dazu sei vielleicht noch erwähnt, dass auf dem Meer fast nichts älter wird als ungefähr ein Jahr. Das Salz und die hohe Luftfeuchtigkeit der Tropen zerfressen alles innerhalb kürzester Zeit. Die einzige Möglichkeit diesen Prozess wenigstens zu verlangsamen, ist die Lagerung sämtlicher empfindlicher Teile, wie Werkzeuge, Ersatzteile, aber auch Nahrungsmittel, in separaten Gefrierbeuteln, bzw. Kisten. Das Werkzeug muss zusätzlich noch regelmäßig mit Rostschutz behandelt werden.
Der gesamte Ablauf spottet jedem Sisyphus.

Neben der Instandhaltung des Schiffes, gilt es die Reserven an Elektrizität, Wasser und Diesel im Blick zu behalten. Wassermangel auf dem Ozean kann lebensbedrohlich sein, ganz besonders wenn es keine Entsalzungsanlage gibt. Diese existierte auf der „Soggy Paws“, war aber noch nicht einsatzbereit und musste erst noch getestet werden.
Dies ist ebenfalls ein nicht zu unterschätzender Punkt im Unterhalt eines Segelschiffes. Die Installation und Instandhaltung solcher Geräte erfordert eine Menge Wissen und Können. In diesem Zusammenhang ist es von großem Vorteil, wenn man solche Arbeiten selbst erledigen kann, denn solche Fähigkeiten retten einem nicht nur Geld, sondern vielleicht auch einmal das Leben. Schiffsausrüstung verlässt den Besitzer bevorzugt bei Sturm mitten im Nirgendwo. Aus dem selben Grund ist auch ein sehr gut sortierter Bestand an Ersatzteilen überlebenswichtig. Die Schränke und Stauräume der „Soggy Paws“ waren bis zum Anschlag gefüllt.

Jacht Segeln

Das eigentliche manövrieren des Bootes, das Segeln und Navigieren, ist überraschend eintönig. Die Route wurde von Sherry jedes Mal bereits am Vortag festgelegt und ist der anspruchsvollste Teil des Segelns. Um eine Segelyacht zu navigieren, reicht es nicht eine Linie über die blauen Bereiche der Karte zu ziehen. Es gilt das Wetter, die vorherrschenden Meeresströmungen und natürlich den Wind in die Planung mit einzubeziehen und gleichzeitig das Risiko für die Mannschaft so gering wie möglich zu halten. Das breite Spektrum an zu bedenkenden Faktoren macht die Navigation zu einer akademischen Herausforderung. Als ehemalige Skipperin auf Rennyachten, war Sherry dieser Aufgabe mehr als gewachsen.

Sobald die Route einmal festgelegt wurde, verkommt das eigentliche Segeln zu der simplen Aufgabe der Linie Deines eingebauten Navis zu folgen – jetzt nach der dritten Welle, links abbiegen. Anbetracht von Welle und Wind, fühlt sich das zum Teil an wie beim Alkoholtest: „So junger Mann, steigen sie mal aus und laufen sie die Linie hier entlang!“ Die ist auch nüchtern nie gerade?!!
Letztlich besteht die größte Schwierigkeit darin, nicht einzuschlafen.

Der Vorteil dieser durch den Autopiloten geschaffenen Langeweile, ist die Freiheit viele andere Dinge nebenher tun zu können. So lange man nicht unter Seekrankheit leidet, gibt es haufenweise sinnvolle Aktivitäten, von – HaHa Überaschung – Wartungsarbeiten, über Lesen, Schreiben, Angeln, Sonnenbaden (Obacht, gefährlich und schmerzhaft!) und natürlich unser aller Lieblingsbeschäftigung, Schlafen. Irgendwas geht immer. Mir war jedenfalls nie langweilig auf der Soggy Paws.

Das Innenleben eines 44 Fuss Katamarans

Verglichen mit Einrumpfbooten, sogenannten „normalen“ Jachten, haben Katamarane einen entschiedenen Vorteil, mehr Platz! Ein Katamaran hat zirka 40% mehr Stauraum, als ein Einrumpfboot der selben Länge.
So hatte die „Soggy Paws“ zum Beispiel vier Doppelkojen mit jeweils einer Toilette (jeweils an den Enden der Rümpfe), von denen die beiden vorderen auch eine Dusche boten. Dazu kommt eine geräumige Kombüse in der Mitte des einen Backbordrumpfes und ein Mix aus Bibliothek und Werkstatt auf Steuerbord. Zwischen den Rümpfen liegt das geräumige „Wohnzimmer“, welches gleichzeitig die Navigationsinstrumente und Kontrollinstrumente beheimatet. Direkt dahinter schließt sich nach Achtern die „Terrasse“ mit einer weiteren Sitzecke und dem Steuerrad an. Hier nahmen wir in der Regel unsere Mahlzeiten ein, und verbrachten auch so die meiste Zeit, da es der einzige Ort des Schiffes war der gleichzeitig Schatten und abkühlenden Wind bietet.
Der Rest des Bootes ist das breite Vorderdeck, welches zwischen den Rümpfen liegt und durch zwei Trampoline eine enorme Fläche bietet. Tagsüber holt man sich hier schmerzhafte Sonnenbrände.

Trotz all diesem Platzangebot, ist das Leben auf derart engem Raum nicht immer einfach, insbesondere dann, wenn man einmal etwas Privatsphäre sucht, egal ob nun zu zweit oder allein. Die einzige Möglichkeit ist die eigene Koje. Alle anderen Bereiche des Bootes sind allen zugänglich. Für eine Reise dieser Art, ist es daher unerlässlich mit sich selbst im Reinen zu sein und Frieden in den kleinen Dingen des Lebens zu finden. In Ermangelung vielfältiger Stimuli, bekommt die Fähigkeit sich mit sich selbst beschäftigen zu können, eine ungeahnte Bedeutung. Ich habe in zwei Wochen, 5 Bücher gelesen!

Celebrating the sunset

Die Tagesroutine

So ein Tag auf dem Schiff beginnt meist sehr früh gegen 6 Uhr morgens. Das frühe Aufstehen dient hierbei vor allem der Sicherheit, den nächsten Ankerplatz noch vor Sonnenuntergang zu erreichen. Daher bestand jeden Morgen die erste Aufgabe darin, noch vor dem Frühstück, das Boot auf den Weg zu bringen. Dies galt natürlich nur für Reisetage. An anderen, konnten wir ausschlafen.
Nach dem Segelsetzen gab es dann für jeden eine Schale Haferflocken mit Milch oder selbstgemachtem Jogurt mit Bananen und/oder Korn Flakes. Der Rest des Tages bestand aus Segeln und Lesen – übrigens äußerst erholsam.

Das Mittagessen bestand aus äußerst leckeren und aufwendigen Sandwiches mit vorgekochtem Hühnchen, frischem Salat und einer Anzahl Soßen. Später auf diesem Trip, als die Vorräte langsam zur Neige gingen, wichen wir auf ebenso aufwendig verfeinerte Tütensuppen aus. Man glaubt gar nicht, was mit ein wenig Gemüse und Gewürzen so alles möglich ist.

Während des Nachmittags hieß es dann wieder sich mit sich selbst oder anderen zu unterhalten. So ein Segeltörn über den Pazifik ist ein wahres Festgelage für Laberbacken. Zeit für zum Reden über Gott und die Welt, ist im Übermaß vorhanden.
Eine weitere beliebte Aktivität des Nachmittag, man glaubt es kaum, ist das Kochen und vorbereiten des Abendessens. Die Küche funktioniert mit einem Gaskocher und bot sogar einen kleinen Ofen. Zusammen mit einer umfänglichen Auswahl an Gewürzen und getrockneten Kräutern, sowie einer gesunden Portion Kreativität, waren der eigenen kulinarischen Fantasie im Grunde keine Grenzen gesetzt. Von Chicken Curry, über gebackenen Fisch und sogar Cêviche war alles dabei und meistens super lecker.

Vor das Abendessen jedoch, hat Poseidon das Ankern gesetzt. Mit dem Duft des köchelnden Abendessens in der Nase und der Aussicht auf ein kühles Bier danach, war die Motivation jedes Mal entsprechend groß und der Anker schnell im Wasser.

Was folgte war dann „yuummmmm und zissscchhh… ahhhhh“, und oftmals spektakuläre Sonnenuntergänge. Und wie sollten die jemals langweilig werden… 😉

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