Die graue Bucht

Die Tage flogen vorbei wie der Wind durch unsere Segel. Zeit verschwamm in einem Dunst aus Wolkenfiguren hinterm Horizont, während die Sonne das Quecksilber auf Deck zum kochen brachte. Der Schweiß ran unter unseren T-Shirts wie die Wellen ums Schiff. Bewegung wurde vermieden bis zum absoluten Stillstand und dabei hatten wir die endlose Wüste des Pazifiks noch gar nicht erreicht. Boote sind klein.

Segeln um Weigeo

Am Tag vorher hatten wir guten Wind und waren weit um Weigeo herum gesegelt. Zu Zeiten erreichten wir Geschwindigkeiten von über 10 Knoten. Und wenn diese Momente auch kurz waren, so leuchtet die Erinnerung an sie doch klar und hell, wie ein Schwall eiskalten Wassers. Sie hinterließen uns “Bright eyed and bushy tailed” (Frei übersetzt so was wie: Wachen Auges und chic frisiert… Gott klingt das dämlich auf Deutsch). Ein Spruch den Sherry von ihrer Mutter gelernt hatte und den ich im Übrigen bereits von der meinigen kannte. Muss so ein Mutter Ding sein; Motivation zum Aufstehen, vielleicht.

Die graue Bucht

Gegen späten Nachmittag erreichten wir eine weite Bucht im Norden Weigeos. Sie war unser letzter Stop, bevor wir die Segel gen Norden setzten, hin zu den tausend Inseln des Pazifiks. Ich nannte sie: Die graue Bucht, und nein, dass war sicherlich nicht ihr Fehler, sondern ein komplett wolkenverhangener Himmel. Nichtsdestotrotz, freundeten wir uns mit einigen Bauarbeitern an, die gerade dabei waren das Fundament eines neuen, sehr breiten und massiven Stegs, inklusive dazugehöriger Straße ins Hinterland zu bauen.

Derartige Projekte hinterlassen bei mir immer einen bitteren Beigeschmack und einige Sorgenfalten. Klar, die lokale Bevölkerung freut sich, dass endlich auch bei ihnen die Zivilisation Einzug hält. Doch zu welchem Preis?

Infrastrukturprojekte in entlegenen Gegenden

Infrastrukturprojekte dieser Größe und in derartig abgelegenen Gebieten werden nicht ohne Hintergedanken begonnen. Anbetracht der Lage am Wasser und dem Mangel anderer Resourcen, kann beim Ziel eigentlich nur um das Abholzen des Waldes handeln. Für Fischerei braucht man keine Straße in unbewohntes Hinterland.

Abholzen wiederum, vermeintlich mit dem Ziel Monokulturen von Ölpalmen zu pflanzen, führt zu großen Schäden an den umliegenden Riffen. Das jetzt fehlende und ehemals stabilisierende Wurzelwerk erhöht die Menge an Sediment und Nährstoffen, welche mit jedem Regen ins Meer gespült werden. Klares, nährstoffarmes Wasser, welches Korallen bevorzugen, wird verdreckt und erhöht das Stresslevel der Riffe der Bucht. Vom Verlust lokaler Biodiversität durch das Abholzen alleine, will ich gar nicht erst anfangen. Wie viele Arten auf diese Art bereits verloren gegangen sind, weiß niemand, da sie nie entdeckt und beschrieben wurden – ganz zu schweigen von den ihnen ggf innewohnenden, unbekannten chemischen Verbindungen, die für die medizinische Forschung von Interesse sind. Weit über die Hälfte unserer Medikamente hat ihren Ursprung in der Natur.

Letztlich liegt die Entscheidung bei den Menschen Raja Ampats und der durch sie demokratisch gewählten Regierung. Das Menschen meist aus kurzsichtigen, menschlichen Motiven Wählen, liegt dabei auf der Hand und ist hier nur das größte Problem der Demokratie als solcher.

Wassermanagement

Auch wir und die “Soggy Paws” hatten zu diesem Zeitpunkt eher menschliche Probleme. In den letzten drei Tagen hatten wir fast unseren gesamten Wasservorrat verbraucht. Die Tanks mussten wieder gefüllt werden. Mit Aussicht auf Wasserrationierung während einer mehrtägigen Überfahrt auf dem sonnen durchtränkten Pazifik, begannen wir die Tagesplanung.

Letztlich wurde beschlossen, dass Claudia und ich auf die Suche nach Wasser gehen würden, während David und Sherry an Bord blieben.

So tuckerte wenig später das Beiboot der “Soggy Paws” mit sechs großen Kanistern und vier ebenso großen Eimern dem Strand der Bucht entgegen. Einem Ratschlag Davids folgend, suchten wir als erstes die Bauarbeiter am Steg auf. Auch sie mussten schließlich eine Wasserquelle haben. Aus diesem Grund hatten wir auch noch einige Kekse mitgebracht, um sie, falls nötig, “Bestechen” zu können. Einen bessere Idee hätte David überhaupt nicht haben können. Wir stießen auf Gold.

Keine Hundert Meter neben dem Steg floss ein kleiner Fluss in die Bucht. Vom Boot aus hatten wir ihn nicht entdeckt, weil seine Mündung von einem Stamm versperrt wurde, der sich wiederum harmonisch in die Küstenlinie einfügte. Wenn man den mit Hilfe des Wasser Stamm anhob, gab er den Weg frei in einen kleinen Brackwasserteich direkt hinter dem Strand. Er ermöglichte es uns, das Beiboot direkt unter einer Kaskade kleiner Wasserfälle und Becken zu parken. Das Beladen des Bootes wurde zum Kinderspiel, zumal mit der tatkräftigen Unterstützung von vier Bauarbeitern.

Zu allem Überfluss, schmeckte das Wasser vorzüglich, weich und frisch, mit einer Spur mineralischen Sandes im Abgang. Eindeutig Südhanglage.
Mit grob geschätzten 250 Litern Wasser, kehrten wir triumphierend zum Boot zurück. Unsere Wassersituation hatte sich in weniger als einer Stunde von angespannt in sorglos verwandelt.

Nach dem wir die erste Ladung sicher in die Tanks des Schiffes verbracht hatten, kehrten wir zurück und füllten die Tanks noch ein zweites Mal. Auch diesmal half uns wieder einer der jüngeren Bauarbeiter, ob wegen der Kekse vom ersten Mal, oder Claudias Gegenwart, bleibt Spekulation. Für diesen zweiten Besuch, hatten wir auch noch eine Kamera und etwas mehr Zeit mitgebracht. Was folgte war ein herrlich erfrischendes Bad in einem der Becken, zwischen den kleinen Wasserfällen.

Delphine in der grauen Bucht

Während des Nachmittags sichtete Claudia einige Delphine am äußeren Rand der Bucht, wo sie in Schrauben aus dem Wasser sprangen und kräftig mit ihren Schwanzflossen auf die Wasseroberfläche schlugen. Wir konnten sie bis zum Boot hören. Ganz offensichtlich eine größere Gruppe Spinner-Delphine.

Claudia entschied sich ihnen eine Besuch abzustatten und schnorchelte einen guten Kilometer zu ihnen hinaus. Ob sie nun Kindheitserinnerungen von Flipper dort hinaus trieben, oder pure Entdeckerlust, weiß nur Claudia allein. Die Delphine hatten in jedem Fall ihre eigene Meinung zu Besuchern. Anstatt gut gelaunt und neugierig um sie herum zu schwimmen und für Fotos zu posieren, spielten sie lieber Verstecken. Vom Boot aus konnte man gut beobachten, wie sich die Delphine sorgfältig von ihr fern hielten; stets außer Sichtweite.

Einzig eine kleinere Abordnung bequemte sich Claudia für einen kurzen Moment zu sondieren, um dann der Gruppe Bericht zu erstatten. Derartiges Verhalten ist mir bei Spinner-Delphinen bereits im Huvadhoo Atoll auf den Malediven begegnet. Vermutlich sendet die Gruppe ganz bewusst nur einige wenige Späher. Auf diese Weise befriedigt diese intelligente Spezies ihre Neugier, ohne durch gleich die ganze Gruppe in eine mögliche Gefahr zu navigieren. Die nachfolgende Berichterstattung der Späher dürfte äußerst interessant zu Beobachten sein.

 Für den Abend hatte ich es mir, als intelligente Spezies, zu eigen gemacht bereits am Nachmittag einige Bintang ins Eisfach zu legen. Und so erwarteten sie mich mit einer Schicht Eises und glitzernder Vorfreude. Für den nächsten Tag war die eine erste kürzere Tagespassage geplant. Sie brachte uns zu den mysteriösen Inseln von Ayu.

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