Maledivische Realität: Kamadhoo

Nach nur zwanzig Minuten nähern wir uns Kamadhoo. Im Hafen dümpeln friedlich ein paar moderne Dhonis. Es ist bereits später nachmittag, als wir durch die sandigen Straßen der Insel schlendern. Es ist längst nicht mehr so heiß wie am morgen, und ein lauer Wind weht durch die Palmen.

Hafen Kamadhoo

Entwicklung der letzten Jahre

Links und rechts entlang der gepflegten Wege stehen schöne Häuser, welche in Pastelltönen gestrichen sind. Fast alle haben sämtliche Türen und Fenster geöffnet. Effektive natürliche Belüftung. Und fast überall flimmert im Inneren ein Flachbildfernseher.
‚…was ich mir so nicht vorgestellt hatte…‘ 

Vor langer Zeit wurde Kamadhoo durch seinen herausragenden Schiffsbau reich. Seit einigen Jahren ist jedoch die Arbeit im Tourismus zur Haupteinnahmequelle der Inselbewohner geworden. Die meisten Männer arbeiten in Ressorts und kommen bestenfalls an vier Tagen pro Monat nach Hause. Das ist sicherlich der Grund, warum ich nur Frauen vor den Häusern stehen sehe.

Während wir zu Fuss die Insel erkunden fühle ich mich plötzlich wie auf Kuba.
‚…wo ich noch nie war, es mir aber genau so vorstelle…‘
Und
es würde mich nicht wundern, wenn um die nächste Ecke ein mintfarbener Cadillac stünde. Aber hier gibt es keine Autos. Nur Fahrräder.

Kamadhoo
Frau mit Kind

Leben auf Kamadhoo

Die Tour ist bewusst ähnlich zur ersten auf Kihadhoo organisiert. Die beiden Inseln sollen miteinander verglichen und kontrastiert werden.

Das erste Etappenziel unserer Inselrunde ist ein kunterbuntes Haus. Idyllisch liegt es hinter einem weiß gestrichenen Holzzaun. Im angrenzenden Garten erkenne ich eine ebenfalls weiße Schaukel und eine knallrote Rutsche. Gais, unser Guide, erklärt uns, dass es ein außerordentlich teurer Privatkindergarten sei, indem die Kinder besonders in Fremdsprachen gefördert würden. Betreten dürfen wir das Gelände nicht. Das große Metalltor bleibt verschlossen.

Währenddessen fällt mein Blick auf die andere Straßenseite. Dort entdecke ich eine Frau, sie lehnt an einer Mauer und hält ein Kind im Arm. Auf den Inseln herrscht das Prinzip der Entschleunigung, der kultivierten Langsamkeit. Sich Zeit nehmen, etwas zu betrachten, zu schmecken, zu erfahren. ‚…niemals zuvor habe ich Menschen gesehen, die ernsthaft damit beschäftigt waren auf einer Nuss zu kauen…‘  

Doch für mehr als einen schnellen Schnappschuss bleibt mir keine Zeit. Unser Guide ist schon wieder weitergelaufen.

Stolze Einwohner

Nach wenigen Minuten nähern wir uns der Schule. Man kann den Stolz in Gais Stimme hören, als er uns erklärt, dass diese im Ausbau sei. Dabei deutet er auf ein angrenzendes Feld, dass bisher erstmal nur abgeholzt wurde. In spätestens zwei Jahren soll hier ein zweites Gebäude entstehen, für die neu eingerichtete Mittelstufe. In wenigen Jahren, so der Plan, wird die Schule jeder Insel bis zur 10. Klasse unterrichten. Und Kamadhoo sei einer der Vorreiter.

Als nächstes präsentiert er uns, nicht minder stolz, das Kamadhoo-Medical-Centre. Es ist das einzige im ganzen BAA-Atoll. Interessiert betrachte ich das weiße Gebäude auf dem gepflegten Rasen. Die Fensterläden sind verschlossen, neben der Haustür lehnt ein Besen. Mehr Hinweise auf Bewohner gibt es nicht.
„Es ist eigentlich immer geschlossen“,
klärt uns Gais auf. Der Arzt und die Krankenschwester machen meistens Hausbesuche. Dabei kümmern sie sich um einfache Beschwerden. Für alles andere müssen auch hier die Menschen bis nach Malé reisen.

"Supermarkt"

Erfreuliche Entwicklungen

Während ich noch darüber nachdenke, was es bedeutet, zum nächsten Krankenhaus reisen zu müssen, werde ich erneut von Moskitos attackiert. Aber es geht mir nicht alleine so. Eine junge Schweizerin drängt sich nach vorne zum Guide. Ob er ihr versprechen könne, dass es hier keine Malaria gebe, quengelt sie. Er antwortet freundlich und mit einem Lächeln, dass die Malediven eigentlich kein Malaria Gebiet seien. Das reicht ihr jedoch nicht. Sie möchte ein Versprechen. Versprechen kann er ihr das jedoch nicht. Sie wird nervös, beinahe hysterisch. Ich versuche Schlimmeres zu verhindern indem ich ihr mit meinem
‚…völlig wirkungslosen…‘
Mückenspray aushelfe.

Nachdem wieder einigermaßen Ruhe eingetreten ist, zeigt Gais auf eine Reihe großer Tanks an der nächsten Ecke. Der Wasservorrat der Insel. Falls es einmal zu lange nicht regnet, kann jede Familie dort ihren Wasservorrat auffüllen. Ich frage mich, was passiert, wenn auch diese Reserve einmal aufgebraucht ist. Doch da gibt er schon die Antwort: Dann werden die „local islands” von den Ressorts versorgt.
‚…was für eine erfreuliche Entwicklung…‘

Relikt aus vergangen Zeiten

Westliche Einflüsse

Ein raues Tönen unterbricht meine Gedanken. Neben mir taucht plötzlich ein rostiger knarzender Zementmischer auf. Hinter ihm steht ein alter Mann, der uns stolz, mit einem breiten Lachen, anstrahlt. Nachdem die Verwendung von Korallen als Baumaterial offiziell verboten wurde, werden hier nun auch moderne Verfahren angewendet.

„Unsere Vorfahren haben ihre Häuser aus Korallen gebaut. Aber wir machen das jetzt genauso wie die USA und Europa“
informiert uns der Mann hinter dem Zementmischer auf Englisch und rührt unverdrossen weiter.

Spielende Kinder….

Unsere Tour neigt sich dem Ende zu, und wenn wir noch die Stätten des alten Schiffsbaus sehen wollen müssen wir uns beeilen. Wir nehmen eine Abkürzung durch einen Garten und landen direkt am Strand.

Vor uns erstreckt sich ein halb fertiger Schiffsrumpf. Während Gais über die lange Tradition des Schiffsbaus erzählt, folge ich einem ausgelassenen Kinderlachen. Zwischen einem Holzlager und weiterer Bootskörper entdecke ich ein paar Jungs. Sie haben sich zwischen den Planken eine Art Fort gebaut. Neugierig betrachten sie mich und grinsen frech in die Kamera, als ich beginne Fotos von ihnen zu machen. Durch soviel Aufmerksamkeit beflügelt werden sich sogleich noch lauter.

spielende Kinder
Kinderschuhe
Müllproblem der Malediven

Mit schnellen Schritten bewegen wir uns zurück in Richtung Hafen. Auf dem großzügigen Dorfplatz sitzen ein paar Frauen in der Nachmittagssonne. Ihre Kinder laufen uns bis zum Dhoni nach und winken zum Abschied.

Keine Eile!

Langsam geht die Sonne hinter dem indischen Ozean unter. Das Boot glänzt golden im letzten Licht des Tages. Die beiden Inseln die wir besucht haben hätten unterschiedlicher kaum sein können. Doch obwohl Kamadhoo durch die Entwicklungen im Tourismus sehr modern geworden ist, konnten die Bewohner sich ihren ur-maledivischen Umgang mit der Zeit erhalten. Denn:

„Als Allah die Zeit machte, machte er reichlich davon“.

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